In Krieg und Frieden – Harmonie durch Musik

Musik von Friedrich Holländer, Johann Sebastian Bach, Heinrich Schütz, Johann Franck u.a.

Dorothee Mields, Sopran
lautten compagney BERLIN

Wolfgang Katschner, Konzept und Idee

Schon immer waren Zeiten des Krieges auch Feiern des Überlebens: ein Tanz auf dem Vulkan, der sich immer wieder in Musik seine Bahn brach. Lebenslust und Seelenschmerz – ungemein stark und ambivalent zugleich ist das Lebensgefühl im Dreißigjährigen Krieg, dem sich Dorothee Mields und die lautten compagney in bewegenden Liedern widmen. Mit Songs von Friedrich Holländer schlagen sie zugleich einen spannungsvollen Bogen zu drei Jahrzehnten Weltkriegsgeschehen im 20. Jahrhundert.

In Königsberg tobt 1636 bereits sechzehn Jahre lang der Krieg, überziehen marodierende Truppen das verwüstete Europa. Es herrscht Hungersnot, die Pest bedroht die Städte, der Tod ist allgegenwärtig. Unsicherheit und Orientierungslosigkeit prägen das Lebensgefühl der Menschen dieser Zeit, einziger Ausweg scheint die Erlösung bei Gott und die Hinwendung auf ein jenseitiges Leben. Im Garten des Königsberger Domkantoren zieht Heinrich Albert, Neffe von Heinrich Schütz und ehemals Schüler von Johann Hermann Schein, Kürbisse auf der Sonnenseite seiner Gartenlaube. Hier treffen sich die Mitglieder des Königsberger Dichterkreises, die sogenannte „Gesellschaft der Sterblichkeitsbeflissenen“. Sie ritzen ihre Namen in die Schalen der Kürbisfrüchte: die Dichter Simon Dach, Martin Opitz, der Prediger Elmenhorst; die Komponisten Johann Franck, Johann Nauwach und Heinrich Albert. Im geselligen Kreis entstehen die Lieder der „Musicalischen Kürbshütte“. Es sind Miniaturen der Zerrissenheit zwischen irdischem Vergnügen und zerknirschten Bußgedanken.

Von dieser Zerrissenheit in kriegsbewegten Zeiten sprühen auch die Lieder Friedrich Holländers. Sie gedeihen nicht im Intimen einer Laube, sondern sind dem Treiben der Großstadt abgelauscht. Aufmüpfig und scharfzüngig bricht sich in diesen Songs das neue Lebensgefühl der jungen Republik Bahn. Doch auch hier singt der Zweifel mit, verblasst der Glanz der goldenen Zwanziger in der Vorahnung der braunen Dreißiger. Dem Unbill der Zeit haut Holländer derweil mit eleganten Pointen auf die Finger – ein Tausendsassa der Kleinkunst, der mit dem Schlager „Von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ Marlene Dietrich ein musikalisches Denkmal setzte. Es war so groß, das dahinter sein eigenes Schicksal den Augen des Publikums zunehmend entschwand. Als der Reichstag brennt, flieht er über Paris nach Hollywood und kehrt 1955 zerbrochen in eine ihm fremd gewordene Heimat zurück. In seiner Musik spricht die Zerrissenheit menschlichen Fühlens in Zeiten des Überlebens so unmittelbar zu uns wie in den Liedern des Königsberger Dichterkreises. In deren Kürbisse hätte Holländer freilich Fratzen geschnitten.

Vielleicht vermag allein die Musik Bachs, diesem vielstimmigen Totentanz der Geschichte Halt und Trost entgegenzusetzen. Gerade das Kantatenwerk des Thomaskantors ist eine Innenschau der menschlichen Seele mit all ihren Zweifeln und Nöten, aber auch ihren Wandlungen vom Dunkel zum Licht.